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ERBE ÖSTERREICH

Abrechnung mit einer Dynastie: Die Habsburger nach 1918

INHALT

640 Jahre lang - seit dem Jahr 1278 - bestimmen die Habsburger das Geschick der österreichischen Länder. Nach dem ersten Weltkrieg und der Gründung der Republik werden sie entmachtet und des Landes verwiesen.

Der Name Habsburg wurde 1918 über Nacht zum Unwort. Die gerade erst geborene Republik Deutsch-Österreich tat alles, um sich von der Herrscherfamilie abzugrenzen und sie von der künftigen Macht fernzuhalten. Zu groß war die Angst bei Staatskanzler Renner und seiner Regierung, dass Habsburg die Rückkehr zur Macht plante. Daher wurden alle Angehörigen der Familie, die keine Verzichtserklärung unterzeichneten, des Landes verwiesen. Außerdem waren alle Habsburger vom Wahlrecht ausgeschlossen.

11. November 1918: Kaiser Karl I. gibt dem Drängen des Ministers des sogenannten Liquidationsministeriums, Heinrich Lammasch, und des designierten, neuen Staatskanzlers Karl Renner und anderer deutschösterreichischer Politiker nach, und verzichtet in der österreichischen Reichshälfte der Monarchie auf jeden Anteil an den Staatsgeschäften und enthebt seine - inzwischen funktionslos gewordene - Regierung ihres Amtes. Er enthebt jedoch Armee und Offiziere nicht ihres auf den Kaiser geleisteten Treueeides.

Noch in der Nacht vom 11. auf den 12. November 1918 macht sich Karl mit seiner engsten Familie auf ins Marchfeld auf Schloss Eckartsau, das damals im Unterschied zu Schönbrunn habsburgischer Privatbesitz ist.

Der britische König Georg V. will dem Habsburger das Schicksal des russischen Zaren Nikolaus II. und seiner Familie ersparen, die von den Bolschewiki ermordet wurden und lässt die Familie dort vom britischen Oberstleutnant Edward Lisle Strutt beschützen. Karls und Zitas Hoffnung, die politische Lage werde sich zu ihren Gunsten "normalisieren" und man werde ihn einladen, wieder an die Spitze des Staates zu treten, erfüllt sich nicht. Am 13. November verzichtet er in Eckartsau auch als König Karl IV. von Ungarn auf jeden Anteil an den Staatsgeschäften.

Der deutschösterreichische Staatskanzler Karl Renner kommt Anfang Jänner 1919 nach Eckartsau und will mit Karl persönlich über dessen Zukunft sprechen. Da er nicht dem Hofzeremoniell entsprechend um Audienz gebeten hat, lehnt Karl ab, ihn zu treffen. Dem "ehemaligen Träger der Krone" (wie er wenig später offiziell bezeichnet wird) lässt man daher über Mittelsmänner die Information zukommen, dass das geplante Habsburgergesetz, falls Karl weder ausreisen noch abdanken wolle, seine Internierung bestimmen würde. Daraufhin bereitet Strutt die Ausreise der Kaiserfamilie in die Schweiz vor; Karl stimmt unter der Bedingung zu, dass die Abreise "in allen Ehren" erfolgt. Strutt organisiert dazu für den 23. März 1919 den Hofzug der ehem. k.k. Staatsbahn. Karl besteigt mit seiner seiner Familie, einem kleinen Gefolge in Feldmarschallsuniform den Zug im nächst-gelegenen Bahnhof Kopfstetten. Auch sein Automobil reist mit. Vor dem Grenzübertritt in die Schweiz am 24. März 1919 widerruft Karl im Feldkircher Manifest seine Erklärung vom 11. November 1918 und protestiert gegen seine Absetzung als Herrscher. In die Schweiz reist er in Zivilkleidung ein.

Das Völkermanifest und die nicht vollzogene formelle Abdankung führen in Deutschösterreich zum Gesetz vom 3. April 1919, betreffend der Landesverweisung und der Übernahme des Vermögens des Hauses Habsburg-Lothringen (StGBl. 209 / 1919). Das Gesetz hebt für Deutschösterreich alle Herrscherrechte der Dynastie auf und stellt fest: "Im Interesse der Sicherheit der Republik werden der ehemalige Träger der Krone und die sonstigen Mitglieder des Hauses Habsburg-Lothringen, diese, soweit sie nicht auf ihre Mitgliedschaft zu diesem Hause und auf alle aus ihr gefolgerten Herrschaftsansprüche ausdrücklich verzichtet und sich als getreue Staatsbürger der Republik bekannt haben, des Landes verwiesen."

Die Nationalversammlung von Deutschösterreich beschließt neben der Landesverweisung auch die Beschlagnahme der habsburgischen Familienfonds, nicht aber des nachweislichen Privatvermögens einzelner Familienmitglieder. Am selben Tag wird für Österreicher der Adel aufgehoben (Adelsaufhebungsgesetz). Der zuvor ausgereiste Ex-Kaiser ist somit aus (Deutsch-)Österreich verbannt. Die Mitglieder der Familie Habsburg-Lothringen entscheiden sich zum Teil für ausländische Wohnsitze, zum Teil für das republikanische Österreich.

Karls Witwe Zita bekennt sich niemals zur Republik Österreich, darf aber ab 1982 wieder einreisen, nachdem man bei neuerlicher Prüfung ihres Falles feststellt, dass sie der Dynastie nur angeheiratet ist und niemals auch nur theoretisch Herrschaftsrechte gehabt hätte.

Im Schweizer Exil wohnt Karl zunächst auf Schloss Wartegg bei Rorschach am Bodensee und ab 20. Mai 1919 in Prangins am Genfersee.

Nach zwei 1921 von der Schweiz aus unternommenen, gescheiterten Restaurationsversuchen König Karls IV. in Ungarn beschließt auch das ungarische Parlament am 6. November 1921 die Dethronisation des Hauses Habsburg-Lothringen. Ungarn bleibt Königreich ohne König unter dem Reichsverweser Miklós Horthy. Karl wird von den Alliierten nach dem zweiten Restaurationsversuch von Ungarn aus nach Madeira verbannt, wo er 1922 nach schwerer Krankheit stirbt.

Während der Zwischenkriegszeit und des Zweiten Weltkrieges bemüht sich die Familie Habsburg-Lothringen um die Behandlung Österreichs als Opferstaat und verhilft vielen Verfolgten zur Flucht. Familienoberhaupt ist von 1930 bis 2006 Otto Habsburg-Lothringen (1912-2011) als ältester Sohn von Kaiser Karl.

Ab Mitte der 1930er Jahre setzt sich Otto von Habsburg - zunächst unter christlich-monarchistischen Vorzeichen - innerhalb der Paneuropa-Union für die europäische Einigung ein. Um den Anschluss Österreichs an Hitler-Deutschland zu verhindern, ist er bereit, sein eigenes Leben zu opfern, wie seine Korrespondenz mit Kanzler Schuschnigg von Februar 1938 belegt. Er tritt als entschiedener Gegner Hitlers und des Nationalsozialismus sowie des Kommunismus auf.

1961 unterzeichnet er die vom Habsburgergesetz als Bedingung für seine Einreise nach Österreich geforderte Erklärung des Verzichts auf Herrschaftsansprüche; im gleichen Jahr wird aber in Deutschland sein Sohn als Erzherzog ins Taufregister eingetragen. Das Habsburgergesetz führte 1962 zur sogenannten "Habsburgkrise", als sich die Regierung über die geplante Einreise Otto von Habsburgs nach Österreich nicht einig wurde. Die Frage, wie real das "Habsburger-Gespenst" damals wirklich noch gewesen ist, ist bis heute nicht eindeutig zu beantworten. Otto Habsburg lobbyierte unter anderem beim damaligen Kurier-Chefredakteur Hugo Portisch, um "Justiz-Kanzler" in Österreich zu werden.

1966 darf er wieder nach Österreich einreisen. 1972 kommt es zum "historischen Handschlag" mit dem sozialdemokratischen Bundeskanzler Bruno Kreisky. Unter seiner Ägide verlagern sich die vorrangigen Beschäftigungsgebiete vieler Mitglieder der Familie - darunter vor allem Karl, Georg sowie Walburga - auf die Europapolitik, insbesondere diejenige der Paneuropa-Union, mit deren Gründer, Richard Coudenhove-Kalergi, Otto Habsburg befreundet ist. Habsburgs politische und historische Äußerungen führen in Österreich bis 2008 immer wieder zu Kritik und Diskussionen, bei denen er vor allem die Sozialdemokraten als Gegner hat.

Otto von Habsburg ist am 19. August 1989 Mitinitiator und Schirmherr des "Paneuropäischen Picknicks". Nach dem Fall des Eisernen Vorhangs 1989/90 wird sein persönlicher Beitrag zu diesen Ereignissen wiederholt gewürdigt.

Seit 2004 gibt es in Österreich die Schwarz-Gelbe Allianz, eine Partei, die sich für die Restauration der Monarchie unter den Habsburgern einsetzt. Am 1. Januar 2007 überträgt Otto Habsburg-Lothringen die Funktion als Familienoberhaupt an seinen ältesten Sohn Karl. Karl, der am Starnberger See aufwächst ist als österreichischem Staatsbürger dennoch die Einreise nach Österreich verweigert. Schlussendlich studiert er in Salzburg. Im Mai 1990 leitet Karl persönlich einen Hilfskonvoi nach Vilnius mit Nahrungsmitteln, Medikamenten und Bekleidung der Paneuropa-Union in das von der Sowjetunion belagerte Litauen. 1991 organisiert er internationale Hilfe gegen die Zerstörungen in Dubrovnik und im ehemaligen Jugoslawien. Mit Blick auf seinen geplanten Einstieg in die Politik leitete Habsburg vom September 1992 bis April 1993 kurzzeitig einige Folgen einer neuen Fernsehquizshow im staatlichen Sender ORF "Who is Who", die ihm zu öffentlicher Bekanntheit verhelfen. Karl ist für die ÖVP neben seiner Tätigkeit als enger Mitarbeiter des Salzburger Landeshauptmanns Wilfried Haslauer nach einem sehr erfolgreichen Vorzugsstimmenwahlkampf von 1996 bis 1999 Abgeordneter des Europäischen Parlaments und setzt sich besonders für Minderheiten ein.

Seine politische Karriere endet mit dem sogenannten World-Vision-Spendenskandal. Dabei werden u. a. von Wolfgang Krones, dem damaligen Generalsekretär von Paneuropa-Österreich, Spenden von World Vision Österreich - Christliches Hilfswerk u. a. zu Paneuropa umgeleitet. Ein Prüfbericht von KPMG bestätigt Geldflüsse von rund 640.000 Schilling (rund 46.500 Euro), ein Teil davon fließt 1996 in Habsburgs Wahlkampf. 2004 wird Krones rechtskräftig verurteilt. Karl Habsburg wird in diesem Zusammenhang von manchen Journalisten eine zu geringe Überwachung seines Generalsekretärs zur Last gelegt. Erst 2004 zahlt Karl Habsburg jene 36.899 Euro an den Nachfolgeverein World Vision - Gesellschaft für Entwicklungshilfe und Völkerverständigung zurück, die - laut Habsburg ohne sein Wissen - in die Finanzierung seines Wahlkampfs geflossen waren.

Karl Habsburg wird 1999 wegen versuchten Schmuggels eines Diadems im Jahr 1996 schuldig gesprochen. Der Berufungssenat der Finanzlandesdirektion für Vorarlberg bestätigt das Erkenntnis der ersten Instanz vollinhaltlich. Habsburg muss insgesamt 13.081 Euro Strafe bezahlen. In einer ersten Stellungnahme räumt der ehemalige ÖVP-EU-Abgeordnete ein, er habe "vielleicht einen Fehler gemacht". Er habe aber jedenfalls nie etwas schmuggeln wollen. Für Richter Erich Wieder, Vorsitzender des Berufungssenates, hat Habsburg aber keineswegs aus Unwissenheit, sondern mit Vorsatz gehandelt.

"Abrechnung mit einer Dynastie" zeigt den Umgang der Republik Österreich mit seinem ehemaligen Herrscherhaus, und beleuchtet Skandale und berufliche Karrieren rund um die Familie Habsburg-Lothringen. Das Habsburgergesetz ist bis heute in Kraft – legitimer Selbstschutz der Republik oder "Sippenhaftung", wie das Haus Habsburg immer wieder behauptet?
(ORF)